Einfach nur Steine?

Das Faszinierende an archäologischer Forschung ist, dass sie immer neue Wege sucht, jahrtausendealte Lebenswelten zu entschlüsseln und zu rekonstruieren. Lange Zeit wurde Steinobjekten eher wenig Beachtung geschenkt. Wie die folgenden Analysen des Beils und des Steinsets zur Feuersteinbearbeitung zeigen – zu Unrecht!

 

Würden Sie sich bitte kurz vorstellen?

 

 

Warum ist das Beil im Grab der Schamanin so ungewöhnlich im Mesolithikum?

Dieses geschliffene Steinbeil, auch Dechsel genannt, wurde der Schamanin mit ins Grab gegeben. In der Seitenansicht ist die spezielle Ausformung der Schneide gut zu erkennen. © LDA Sachsen-Anhalt, Foto: Juraj Lipták

 

 

Und was haben Ihre Analysen zu dem Beil ergeben?

Am Steinbeil wurden auch Dünnschliff-Analysen vorgenommen. Dabei werden extrem feine Proben des Gesteins entnommen. Unter dem Mikroskop kann so bei sehr hoher Vergrößerung der Mineralbestand beurteilt werden. © Francisco José Martínez & Roberto Risch (UAB)

 

 

Im Grab fanden sich noch Geräte zur Feuersteinbearbeitung – Ihre Erkenntnisse zu diesen sind spannend…

Das Werkzeug-Set zur Herstellung und Bearbeitung von Feuersteingeräten besteht aus einem dreieckigen Amboss, dem länglichen Retuscheur und einem Hammer. © LDA Sachsen-Anhalt, Foto: Juraj Lipták

 

 

Sie haben die Sandsteinplatte aus der Grube mit den Geweihmasken untersucht. Was konnten Sie dabei entdecken?

Mit dem bloßen Auge nicht zu erkennen: Auf der Platte haben sich mikroskopisch kleine Spuren von organischem Material erhalten. © Francisco José Martínez & Roberto Risch (UAB)

 

 

Und was sagen Ihre Ergebnisse über die Schamanin aus?

 

 

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Würden Sie sich bitte kurz vorstellen?

Mein Name ist Roberto Risch und ich lehre vorgeschichtliche Archäologie an der Universität Autónoma de Barcelona in Spanien, seit fast 30 Jahren, glaube ich. Und was mich konkret interessiert, ist vor allem Wirtschaftsstrukturen. Wie hat sich der Mensch wirtschaftlich entwickelt? Und das Material, an dem ich das festmache, sind vor allem Steinwerkzeuge.

Warum ist das Beil im Grab der Schamanin so ungewöhnlich im Mesolithikum?

Ja, das Neolithikum wird ja definiert durch polierte Steine. Und dieses sind diese festgefahrenen Meinungen, dass man denkt, dass alles, was polierte Steine sind – Felsgesteingeräte –  können nicht vor dem Neolithikum sein. Und das hat sich als falsch rausgestellt. Auch Jäger- und Sammlergesellschaften haben natürlich Beile gehabt, um Tiere zu teilen, um Bäume zu fällen, um Wurzeln zu finden. Und diese Werkzeuge sind natürlich auch oft poliert worden. Und wir sehen, dass das im Mesolithikum schon stattgefunden hat. Also Bad Dürrenberg stellt deshalb festgefahrene Meinungen absolut in Frage.

Und was haben Ihre Analysen zu dem Beil ergeben?

Das Beil ist natürlich ein sonderbares Objekt, nicht nur, weil es sehr, sehr alt ist, älter als erwartet. Das Beil ist so interessant zum einen wegen dem Rohmaterial. Das Rohmaterial haben wir geochemisch feststellen können, dass es ganz eindeutig aus dem Isergebirge kommt, in Nordostböhmen. Das sind also über 200, fast 300 Kilometer entfernt. Wenn man laufen muss, ist das also viele, viele Tage entfernt. Und vielleicht war sie auch aus Böhmen, vielleicht kommt sie auch dorther, weil nämlich ein anderes Steinwerkzeug, der Ambos zum Silex retuschieren, auch aus dem Isergebirge kommt. Also sie hat zwei Objekte, große, schwere Objekte, die von dort kommen. Dann, wenn wir zu dem Gebrauch des Beiles übergehen, ist das Interessante, dass aufgrund der Gebrauchsspuren sehen wir verschiedene Spuren, die hindeuten, dass das Beil wie ein Schweizer Messer war, mit dem sie auf der einen Seite zum Beispiel Rinde von Bäumen trennen konnte, indem sie Holz bearbeiten konnte, nicht nur Baumstämme, sondern auch Zweige, Äste, Ruten. Aber auch um Tiere zu teilen und zu trennen, die verschiedenen Teile des Tieres, um sie zum Verzehr vorzubereiten.

Im Grab fanden sich noch Geräte zur Feuersteinbearbeitung – Ihre Erkenntnisse zu diesen sind spannend…

Das Set der Feuerstein-Bearbeitung fand sich zusammen und gehört auch von den Gebrauchsspuren zusammen. Also das ist genau die Geräte, die du brauchst, um die Mikrolithen, aber auch andere Abschläge, die sie im Grab hat, zu fabrizieren. Also sie hat die Werkzeuge, sie hat nicht nur die Produkte, sondern sie hat die Werkzeuge, um im Jenseits dieses Material weiterhin produzieren zu können. Und das andere, was interessant ist, ist, dass der Retuscheur, also sie hat ja diese Klingen dann auch retuschiert, um sie so scharf machen zu können, und der Retoucheur deutet eindeutig auf eine Linkshänderin hin. Und das passt wieder gut zu ihren Pathologien zusammen. Also sie muss auch allgemein eher mit links oder in eine linke Richtung gearbeitet haben, um keine Schwierigkeiten zu haben mit ihren Problemen in den Halswirbeln.

Sie haben die Sandsteinplatte aus der Grube mit den Geweihmasken untersucht. Was konnten Sie dabei entdecken?

Die Sandsteinplatte wurde analysiert auf Residuen hin, das sind Reste aus organischem Material, die sich oft in Ritzen oder Spalten der Steinwerkzeuge erhalten haben. Diese Analysen haben ergeben, dass auf der Platte Sehnenreste sind von Wildtieren. Und diese Sehnen wurden scheinbar mit der Platte oder auf der Platte bearbeitet. Und dort hat man eben einen Hinweis, dass aus den Tierfasern eben auch zum Beispiel Bogensehnen hergestellt werden konnten.

Und was sagen ihre Ergebnisse über die Schamanin aus?

Die Schamanen und ihr Grab zeigen natürlich eine enorme Persönlichkeit. Für mich ist das ...  sagen wir mal, die Werkzeuge, die sie hat, die Fähigkeiten, die technischen Fähigkeiten, die sie beherrscht, sind natürlich außerordentlich. Wir haben solch ein Grab mit so viel Reichtum und mit solch viel Werkzeugen lange Zeit mit in der Vorgeschichte nicht mehr gefunden. Und natürlich, dass das ausgerechnet auch noch eine Frau ist, stellt natürlich auch unser patriarchalisches Gesellschaftsmodell infrage.