Der Griff nach den Sternen

Astronomisches Wissen auf der Himmelsscheibe von Nebra

Der fragende Blick in den nächtlichen Himmel ist Jahrtausende alt.
Dabei offenbaren sich zunächst ganz nüchtern nur unzählige leuchtende Punkte auf schwarzblauem Hintergrund, die jede Nacht in spezieller Konstellation über den Himmel wandern. Beobachtet man dieses Schauspiel regelmäßig, erkennt man, dass sich im Laufe eines Jahres diese Konstellation ändert und viele Sterne längere Zeit nicht am Himmel zu sehen sind.
Doch wie viele Generationen müssen forschend in den Himmel geblickt haben, um sich den Lauf des Mondes, der Sonne und der Sterne zu Nutze zu machen und dieses Wissen ohne Schrift an die nächste Generation weiterzugeben?

Die Scheibe ist ein unmittelbarer Blick ins Universum.
Keiner hat je seriös eine Deutung vorgeschlagen, die nicht astronomisch ist. Man kann sagen, dass die Scheibe gewissermaßen die TÜV-Plakette für Stonehenge, Newgrange und andere Denkmäler ist.

Prof. Dr. Wolfhard Schlosser (Astronom)

Zehntausende von Jahren lebten die Menschen vom Jagen und Sammeln, die Sterne und der Sonnenlauf dienten als einfache Orientierungshilfe in Raum und Zeit. Sie waren Teil des alltäglichen Lebens in der beseelten Natur. Wahrscheinlich wurde das Wissen zu den Himmelsbewegungen in Form von Mythen und Liedern weitergegeben – nichts blieb uns davon erhalten.

Das Sonnenobservatorium von Goseck gehört zu den Himmelswegen in Sachsen-Anhalt. Am originalen Fundort ist heute eine Rekonstruktion der 7.800 Jahre alten Anlage zu sehen. Die Auf- und Untergangspunkte der Sonne am Horizont für die Sonnenwenden sind im Bau markiert und erlauben zur Wintersonnenwende eine besonders genaue Peilung. © LDA, Foto: Juraj Lipták.

Mit dem Beginn von Ackerbaukulturen erhält der Jahreslauf der Sonne eine besondere Bedeutung. Im bäuerlichen Jahr sind zuverlässige, witterungsunabhängige Anzeiger für die Jahreszeiten wichtig, um zum Beispiel nicht in einem zu warmen Februar verfrüht die Saat in den Boden zu bringen.

In Mitteleuropa weisen so genannte Kreisgrabenanlagen, wie das Sonnenobservatorium Goseck, schon knapp 5.000 Jahre vor Christus deutliche Bezüge zu den Sonnenwenden auf. Damit finden wir auch die ersten konkreten Hinweise auf Himmelsbeobachtungen in Mitteleuropa.

Diese Bezüge finden sich vereinzelt immer wieder in den überlieferten Bauwerken der Steinzeit, das berühmteste Beispiel ist Stonehenge. Trotzdem haben wir in den Zeiten vor 1600 vor Christus keine Objekte oder Bauten mit derart komplexen und konkreten astronomischen Informationen, wie wir sie auf der Himmelsscheibe von Nebra finden.

Selbst wenn wir den Blick Richtung Ägypten oder Mesopotamien schweifen lassen, finden sich nur wenige, eher schematische Himmelsdarstellungen. Ein Beispiel sind die unzähligen Sternreihen in der Unas-Pyramide in Ägypten, die an den Decken der Grabkammern angebracht worden sind.

 

 

Die Herrscher der Zeit

Die Herrscher der Zeit

Die Himmelsscheibe von Nebra ist die weltweit älteste konkrete Darstellung kosmischer Phänomene. Auf den ersten Blick erkennen wir Sonne, Mond und Sterne. Diese sind der ersten Phase zuzuordnen und lohnen einen näheren Blick.

32 Sterne verteilen sich auf der Himmelsscheibe. Die Abstände sind – bis auf sieben Sterne in der Mitte – bewusst regelhaft gewählt, sie stellen keine konkreten Sternbilder dar. Diese 25 Sterne stehen also sinnbildlich für den Nachthimmel. Umso auffälliger sind die sieben Sterne in der Mitte, die eine Rosette formen.

Nur sie besitzen eine konkrete Entsprechung am Nachthimmel:
Die Plejaden, die auch das Siebengestirn genannt werden. Der große Goldkreis könnte sowohl Sonne als auch Mond sein, hinzu kommt der sichelförmige Mond.

Der Sternenhaufen aus sieben Sternen – auch als Plejaden bekannt. © LDA, Foto: Juraj Lipták.

Wenn das Gestirn der Plejaden, der Atlastöchter, emporsteigt, dann beginne die Ernte, doch pflüge, wenn sie hinabgehen, sie sind vierzig Nächte und vierzig Tage beisammen eingehüllt, doch wenn sie wieder im kreisenden Jahre leuchtend erscheinen, erst dann beginne die Sichel zu wetzen.

Dichter Hesiod um 700 vor Christus

Das Siebengestirn

Das Siebengestirn

Die Plejaden sind schon seit der Antike bekannte Kalendersterne. Der Sternhaufen zeigt sich als markantes Bild und ist nicht das ganze Jahr am Nachthimmel zu sehen. Seine letzte und erste Sichtbarkeit wird deshalb in vielen Kulturen mit Regeln zu Ackerbau oder zur Schifffahrt verbunden.

Mit bloßem Auge sind sechs bis acht Sterne zu sehen, obwohl zu dem ungefähr 440 Lichtjahre entfernten Sternenhaufen über 400 Sonnen gehören. © NASA, ESA und AURA/Caltech.
Die Konstellation am 10. März und 17. Oktober um 1600 vor Christus. © LDA, Abbildung: Klaus Pockrandt nach Wolfhard Schlosser.

Die letzte Sichtbarkeit der Plejaden im Frühjahr am westlichen Abendhimmel gibt also folglich den Zeitpunkt zur Aussaat an. Die Plejaden werden dort begleitet von einem jungen Sichelmond.
Erst im Herbst tauchen die Plejaden wieder am Firmament auf, nun am Morgen im Osten. Dort prägt der fast volle Mond den Himmel – die Zeit für die Ernte ist gekommen.

Darstellungen eines Siebengestirns als Rosette finden wir auf Rollsiegeln in Mesopotamien schon im dritten vorchristlichen Jahrtausend.
Die erste bildliche Darstellung der Plejaden in Europa finden wir auf der Himmelsscheibe von Nebra.

 

2004 entschlüsselte der Astronom Rahlf Hansen vom Planetarium Hamburg eine weitere Informationsebene.
Er erkannte eine auf der Scheibe mehrfach verschlüsselte Schaltregel, die dazu diente, das Sonnenjahr mit dem Mondjahr in Einklang zu bringen.

Die komplexe Regel wird am besten von Rahlf Hansen selbst erklärt:

Zusammengefasst kann diese Schaltregel wie folgt beschrieben werden: Erscheint im Frühlingsmonat neben den Plejaden eine Mondsichel, die genauso dick ist wie die auf der Himmelsscheibe, muss ein Schaltmonat eingefügt werden.

Hansen führt auch die Nüchternheit ihrer Darstellung als Hinweis dafür an, dass es sich bei diesem astronomischen Memogramm um einen Wissenstransfer handelt.

Auf der Himmelsscheibe befindet sich somit astronomisches Wissen aus Mesopotamien. Wie das hierher gelangte, ist eine andere Geschichte.

Somit zeigt die Himmelsscheibe – anders als die Himmelsdarstellungen Ägyptens oder des Orients – eine verschlüsselte Anleitung zur Ordnung der Zeit. Entziffern konnten dieses komplexe Wissen sicherlich nur Wenige: die Fürsten und Priester der Frühbronzezeit um 1800 vor Christus.

Der Rhythmus des Himmels

Der Rhythmus des Himmels

© LDA, Grafik: Klaus Pockrandt.

Doch gehen wir erst wieder einen Schritt zurück: Die so genannten Horizontbögen auf der Himmelsscheibe wurden in der zweiten Herstellungsphase angebracht. Sie verdecken zwei Goldsterne der ersten Phase, ein weiterer wurde sogar für die Anbringung verschoben. Das bedeutet, dass den Machern der zweiten Phase die Kodierung der Schaltregel über die Anzahl der Sterne nicht mehr bekannt war.
War die Schaltregel vielleicht sogar komplett in Vergessenheit geraten?

Auch die Verwendung einer anderen Goldsorte für die Horizontbögen und den versetzten Stern deutet darauf hin, dass zwischen der ersten und zweiten Phase einiges an Zeit vergangen ist – vielleicht sogar einige Generationen?

 

Es findet sich auch altbekanntes mitteleuropäisches Wissen auf der Himmelsscheibe.

Projiziert man den Grundriss der Kreisgrabenanlage von Goseck auf die Himmelsscheibe, wird augenblicklich deutlich, dass ein Zusammenhang zwischen den seitlichen Goldbögen auf der Himmelsscheibe und den Durchlässen zur Sonnenbeobachtung in Goseck existiert.

 

Die beiden versetzten Sterne unter dem rechten Horizontbogen sind gut erkennbar. © LDA, Foto: Juraj Lipták.

Diese Horizontbögen spannen einen Winkel von 82,7 Grad auf und symbolisieren den Horizontdurchlauf der Sonne innerhalb eines Jahres. Um es besser zu verstehen: Stellen Sie sich die Erde als (Himmels-)Scheibe vor und Sie stehen in deren Mitte. Nun markieren Sie an jedem Tag des Jahres die Punkte am Horizont, an denen die Sonne auf- und untergeht. Am Ende eines Jahres bilden Ihre Markierungen genau die Horizontbögen auf der Himmelsscheibe ab. Oder wie der Astronom Wolfhard Schlosser für die Horizontbögen treffend zusammenfasst:

„Gold, wohin die Sonne gelangen konnte – kein Gold, wo sie nicht hinkam“
(Schlosser 2010:913).

Die Enden beider Bögen weisen auf die Punkte am Horizont, an denen die Sonne zu den beiden Sonnwendtagen am 21. Dezember und 21. Juni auf- beziehungsweise untergeht.

Verbindet man die Enden der Horizontbögen über Kreuz, wird sichtbar, dass der Kreuzungspunkt etwas über der Mitte der Himmelsscheibe liegt. Diese Verschiebung der Horizontbögen nach „oben“ gibt ein natürliches Phänomen wieder:

Wir sehen die Sonnenauf- und -untergänge durch die Atmosphäre etwas nach Norden verschoben. Das bedeutet, dass die Horizontbögen auf tatsächlichen Sonnenbeobachtungen beruhen, die in unseren Breiten stattgefunden haben: Wären wir zum Beispiel in Italien oder in England, wäre das Bogenmaß deutlich kleiner beziehungsweise größer. Setzt man das Bogenmaß der Himmelsscheibe in geographische Breite um, landen wir im Breitenbereich von circa 52 Grad.

Und dieser Bereich läuft mitten durch das heutige Sachsen-Anhalt.

Der Streifen zeigt den Breitengradbereich, in dem die Fixierung der Sonnenwenden mit den Horizontbögen genau funktioniert: die Enden der Bögen zeigen dann genau zu den Auf- und Untergangspunkte der Sonne am 21.Juni und am 21.Dezember. © LDA, Grafik: Kocmoc.

Diese genaue Beobachtung hilft uns, die Himmelsrichtungen auf der Scheibe festzulegen: Norden ist oben, Süden unten. Wenn der Sichelmond dann als Neumond interpretiert wird, wäre Westen rechts, Osten links.

Noch heute ist das die astronomische Festlegung der Richtungen am Himmel. Das liegt einfach daran, „dass man in der Geographie von oben auf die Erde schaut, in der Astronomie jedoch von unten gegen den Himmel“, erklärte Wolfhard Schlosser verblüfften Archäolog*innen.

Vom Logos zum Mythos

Vom Logos zum Mythos

© LDA, Grafik: Klaus Pockrandt.

In Phase 3 wird das Sonnenschiff auf der Himmelsscheibe angebracht, die Zeit der reinen Wissenskodierung ist vorbei und mythische Bilder sollen Fragen des Himmels erklären.

Diese ersten beiden Phasen der Himmelsscheibe machen diese zu einem exzeptionellen Objekt der damaligen Welt: Komplexes Wissen in scheinbar einfachen Bildern zu abstrahieren, erfordert eine hohe Transferleistung, die man für die Menschen der mitteleuropäischen Bronzezeit so nicht vermutet hätte.

Als die Zeit der großen Fürsten der Frühbronzezeit um 1600 vor Christus vorbei ging, wurde die Himmelsscheibe auf dem Mittelberg bei Nebra begraben. Auf einem wohl heiligen Berg, der wahrscheinlich schon zur Zeit der Scheibe für die Beobachtung des Sonnenlaufs genutzt wurde – doch dazu mehr an einer anderen Stelle.

 

Hören und sehen Sie Wolfhard Schlosser und Harald Meller im Gespräch zur Astronomie der Himmelsscheibe:

Zum tiefer graben...

Literatur

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F. Bertemes, P. F. Biehl, A. Northe, O. Schröder, Die neolithische Kreisgrabenanlage von Goseck, Ldkr. Weißenfels. Archäologie in Sachsen-Anhalt, NF Bd. 2, 2004, 137–145.

R. Hansen, Sonne oder Mond? Verewigtes Wissen aus der Ferne. In: Meller, H., Bertemes, F. (Hrsg.), Der Griff nach den Sternen. Wie Europas Eliten zu Macht und Reichtum kamen. Internationales Symposium in Halle (Saale) 16. - 21. Februar 2005 (Tagungen des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle (Saale) 5/II; 2010), 953–959.

H. Meller, K. Michels, Die Himmelsscheibe von Nebra – der Schlüssel zu einer untergegangenen Kultur im Herzen Europas (Berlin 2018).

H. Meller, K. Michels, Griff nach den Sternen. Nebra, Stonehenge, Babylon: Reise ins Universum der Himmelsscheibe (Berlin 2021).

W. Schlosser, Zur astronomischen Deutung der Himmelsscheibe von Nebra. Archäologie in Sachsen-Anhalt, 2002, 21–23.

W. Schlosser, Lichtblicke – geometrisch-astronomische Analyse der Kreisgrabenanlage von Goseck, Ldkr. Weißenfels. Archäologie in Sachsen-Anhalt N. F. 4, 2006 (2007), 282–284.

W. Schlosser, Astronomische Analyse der Himmelsschei­be von Nebra und des Kreisgrabens von Go­seck – Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Acta Praehistorica et Archaeologica, 2008, 57–60.

W. Schlosser, Die Himmelsscheibe von Nebra – Astronomische Untersuchungen. In: Meller, H., Bertemes, F. (Hrsg.), Der Griff nach den Sternen. Wie Europas Eliten zu Macht und Reichtum kamen. Internationales Symposium in Halle (Saale) 16.–21. Februar 2005 (Tagungen des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle (Saale) 5/II; 2010), 913–934.

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