Aus Knochen lesen

Unsere Knochen begleiten uns ein ganzes Leben lang. Dabei speichern sie wie ein Archiv zahlreiche Informationen. Neben angeborenen Besonderheiten gibt es Spuren, die z.B. über Verhaltensweisen und Lebenswandel des Menschen berichten. Bei der Schamanin kann Prof. Jörg Orschiedt dazu Spannendes berichten.

 

Würden Sie sich bitte kurz vorstellen?

 

 

Welche Geschichten erzählen die Abnutzungsspuren am Skelett der Schamanin?

Die Nervhöhlen der oberen vorderen Schneidezähne sind durch starken Abschliff offen – dies geschah wohl recht schnell, da sich sonst neues Dentin gebildet hätte: eine extrem intensive Nutzung der Zähne oder ein absichtliches Schleifen im Rahmen eines Rituals? © LDA Sachsen-Anhalt, Foto: Juraj Lipták

 

 

Warum deutet das Skelett der Schamanin auf eine ungewöhnliche Lebensweise für das Mesolithikum hin?

Die Abnutzungen an der Wirbelsäule sind für eine Person ihres Alters nicht ungewöhnlich. Sie könnten Resultat einer nach vorne gebeugten Körperhaltung im Sitzen sein. Das würde zu den schwach ausgeprägten Muskelansätzen und den Hinweisen auf eine Tätigkeit wie Korbflechterei passen. © LDA Sachsen-Anhalt, Foto: Jörg Orschiedt

 

 

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Würden Sie sich bitte kurz vorstellen?

Mein Name ist Jörg Orschiedt, ich bin Archäologe und Anthropologe und hier als Referent für Anthropologie tätig. Mein Tagesgeschäft sieht so aus, dass ich mich mit bestimmten Fragen, die eben mit menschlichen Skelettresten zu tun haben, beschäftige. Das kann zeitlich umfassen von der Steinzeit, also auch ältere Funde aus der Steinzeit, bis hin zu mittelalterlichen oder neuzeitlichen Funden.

Welche Geschichten erzählen die Abnutzungsspuren am Skelett der Schamanin?

Also üblicherweise findet man am Skelett Abnutzungsspuren natürlich an den Gelenken und an den Zähnen. Also das sind die Bereiche, die am ehesten so etwas zeigen und das Interessante bei der Schamanin war, dass am Skelett selbst wir relativ wenige Abnutzungsspuren gefunden haben. Das heißt, die Gelenke waren sehr gut intakt, da war nichts an Gelenkveränderungen. Es gibt eine kleine Ausnahme und das sind die Wirbel. Da gab es an einigen unteren Brustwirbel und oberen Lendenwirbelsäule so drei, vier Wirbel, die so leichte Abnutzungsspuren erkennen ließen. Das ist ein etwas ungewöhnlicher Befund für eine Person dieser Zeitstellung und dieses Lebensalters von 30 bis 40 Jahren etwa. Das gehört aber in den Gesamtbefund oder ordnet sich sehr gut in den Gesamtbefund ein, dass sie einfach eine gewisse Ausnahmeperson darstellt. Das andere, was wirklich sehr auffällig war, sind die oberen beiden Schneidezähne, die zentralen Schneidezähne des Oberkiefers, die eine sehr merkwürdige Abnutzung aufwiesen, die also sehr steil war, zum Gaumen hin orientiert, von außen gar nicht so auffällig, sah es eigentlich aus wie bei allen anderen Zähnen, aber wie gesagt sehr steil zum Gaumen hin abgeschliffen, sogar so stark, dass die Nervhöhle offen war. Das heißt, der Zahnnerv lag frei und das bedeutet, dass das sehr, sehr schnell passiert sein muss und mit einer sehr großen Vehemenz und ungeachtet der Tatsache, das ist, glaube ich, allen bewusst, dass das große Schmerzen verursacht.

Warum deutet das Skelett der Schamanin auf eine ungewöhnliche Lebensweise für das Mesolithikum hin?

Also bei der Schamanin fällt wirklich auf, dass sie eigentlich überhaupt keinerlei Skelettveränderungen zeigt oder kaum Skelettveränderungen zeigt, die wir in dem Lebensalter, das sie ja schon erreicht hat, erwarten würden. Also sie hat auch ganz wenige markante Muskelansatzbereiche, eigentlich gar keine, muss man sagen.  Muskulatur ist natürlich logischerweise vorhanden, aber die ist nicht besonders stark ausgeprägt. Wenn man das jetzt vergleicht mit Menschen aus der gleichen Zeit, also aus dem Mesolithikum oder ganz generell Jäger-Sammler-Bereich – die Lebensweise, da muss man natürlich auch schauen, dass das identisch ist – sehen wir eigentlich deutlich eine sehr starke Belastung der unteren Extremität, weil diese Leute ja in der Regel sehr mobil sind, sich sehr viel bewegt haben. All das sehen wir bei ihr überhaupt nicht. Und das lässt sich auch wirklich durch Messungen an den Knochen tatsächlich bestätigen. Also sie liegt da deutlich unter dem Normaldurchschnitt. Also sie ist jemand, der eher in einem sesshaften Bereich zu verorten wäre. Und das ist schon ungewöhnlich, weil wir hier ja nun mitten noch in der Zeit dieser mobilen Lebensweise uns befinden. Das heißt, sie hat ein anderes Leben geführt als andere Personen in der gleichen Zeit.