Spurensucher

Objekte sprechen nicht. Man sieht ihnen nicht immer auf den ersten Blick an, wie sie genutzt wurden und welchen Zwecken sie dienten. Dafür muss man oft sehr viel genauer hinschauen. Durch detaillierte Analysen können selbst winzigen Gebrauchsspuren Informationen entlockt werden, sodass der Schleier der Zeit ein wenig gelüftet werden kann. Bei den Funden der Schamanin von Bad Dürrenberg begab sich Prof. Jörg Orschiedt unter anderem auf die Suche nach Spuren an der Rehgeweihkappe.

 

Würden Sie sich bitte kurz vorstellen?

 

 

Was ist eine Gebrauchsspurenanalyse und wozu dient sie?

 

 

Zu den Spuren auf der Geweihkappe – was erzählen sie Ihnen?

Auf der Nahaufnahme lassen sich die feinen Schnittspuren am Schädelknochen unterhalb des Geweihansatzes gut erkennen. Diese stammen wahrscheinlich von der Enthäutung und Entfleischung des Schädels. ©LDA Sachsen-Anhalt, Foto: Juraj Lipták

 

 

Und wenn wir unseren Fund mit Geweihkappen des historischen sibirischen Schamanismus vergleichen…?

Die Geweihstangen zeigen Einschnitte, die wohl andere Ursachen haben: Sie entstanden eventuell durch die Befestigung eines Objektes. ©LDA Sachsen-Anhalt, Foto: Juraj Lipták

 

 

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Würden Sie sich bitte kurz vorstellen?

Mein Name ist Jörg Orschiedt, ich bin Archäologe und Anthropologe und hier als Referent für Anthropologie tätig. Mein Tagesgeschäft sieht so aus, dass ich mich mit bestimmten Fragen, die eben mit menschlichen Skelettresten zu tun haben, beschäftige. Das kann zeitlich umfassen von der Steinzeit, also auch ältere Funde aus der Steinzeit, bis hin zu mittelalterlichen oder neuzeitlichen Funden.

Was ist eine Gebrauchsspurenanalyse und wozu dient sie?

Für mich ist das im Prinzip eine archäologische und auch materialkundliche Art der Analyse, die sich mit Objekten beschäftigen, in dem Fall natürlich aus archäologischem Kontext, wo man versucht herauszufinden, wie sind sie genutzt worden, wie war ihre Funktion, wie sind sie hergestellt worden und vor allen Dingen auch natürlich, wie lange hat man sie genutzt. Also im Prinzip geht es darum, wenn man es ganz verkürzt sagen würde, die Geschichte eines Objektes zu rekonstruieren und darzustellen.

Zu den Spuren auf der Geweihkappe – was erzählen sie Ihnen?

Also zum einen haben wir die Nutzungsspuren durch das lebende Tier, in dem Fall den Rehbock selbst, dann finden wir natürlich Spuren der Häutung bzw. Entfleischung des Stückes. Also wir haben Schnittspuren, wo man also Weichteilgewebe entfernt hat, Hautfell von diesem Stück. Und wir haben natürlich auch die Schlag- und Bruchspuren, um das Stück aus dem Schädel herauszubrechen. Also im Prinzip die Herstellungsspuren. Und dann kommt die große Frage, ja wie hat man es denn nun benutzt? Und auch hier haben wir wieder das Problem, dass wir eigentlich keine Vergleichsstücke so richtig haben, weil wir nicht genau wissen, wie sie das Stück getragen hat. Es gibt keine Polituren an dem Schädelstück selbst, aber an dem Geweih. Da ist es eben sehr schwer zu unterscheiden, ob diese Polituren zu Lebzeiten des Tieres entstanden sind oder danach. Was aber sicher danach entstanden ist und mit der Nutzung des Stückes zusammenhängt, das sind Schnittspuren an dem Geweih selbst ungefähr auf Höhe der ersten Sprosse. Wo man sieht, dass irgendetwas befestigt war. In dem Bereich befindet sich auch roter Ocker. Also man hat hier offensichtlich irgendwas manipuliert. Das ist nicht funktional in dem Sinne, dass man sagt, das hat irgendetwas mit der Entfleischung oder der Zerlegung des Tieres zu tun. Das macht da überhaupt gar keinen Sinn, weil am Geweih selber muss man nicht schneiden. Das muss etwas mit der Funktion zu tun haben. Es ist also durchaus vorstellbar, dass da etwas vielleicht dran gebunden war, befestigt war an den beiden Geweihstangen. Wie das genau ausgesehen hat, ist natürlich ein Stück weit Spekulation.

Und wenn wir unseren Fund mit Geweihkappen des historischen sibirischen Schamanismus vergleichen…?

Also diese Geweihkappen, die es gibt, die wir ja auch aus den Museen kennen, die eben auch Rehbockgeweihe verwendet haben und die dann zum Teil eingearbeitet sind in Kopfbedeckungen, sehen ganz erstaunlich ähnlich aus wie das, was wir bei der Schamanin haben. Und was dort ein interessanter Aspekt ist, der mir früher nie so aufgefallen ist, aber der tatsächlich immer wieder zu sehen ist, dass interessanterweise fast weltweit, wo diese Stücke auftauchen, auch die Ohren erhalten sind des Tieres. Also man hat irgendwie versucht, diese Ohren zu präparieren und die sind möglicherweise dann eben am Geweih auch festgebunden.