Zum Kosmos im Kleinen

Prof. Harald Meller ist auch Direktor des Landesmuseums für Vorgeschichte. Seine Ausstellungen zeichnet aus, dass er mit Ihnen oft neueste Erkenntnisse aus der Wissenschaft präsentiert und kommuniziert. Im Fokus stehen hier oft Befunde aus Sachsen-Anhalt, erforscht von internationalen Teams, abschließend in Szene gesetzt im Landesmuseum in Halle.

 

 

Würden Sie sich bitte kurz vorstellen?

 

 

Verschiedene Forscherinnen und Forscher haben sich den kleinsten Überresten im Grab der Schamanin gewidmet – wonach haben sie gesucht?

Bis vor wenigen Jahren war der Nachweis von Federn oder Fell in prähistorischen Befunden mit normalen Erhaltungsbedingungen nahezu unmöglich. ©LDA Sachsen-Anhalt, Bild: Karol Schauer

 

 

Ein Beispiel: Prof. Glaser von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg entdeckte „Black Carbon“ im Sediment – was hat es damit auf sich?

Der Forscherin Dr. Tuija Kirkinen gelang anhand von Mikroresten der Nachweis, dass im Grab der Schamanin einst Federn lagen. Diese könnten von Schwänen oder Gänsen gewesen sein – wobei der Schwan im archäologisch-rituellen Kontext kein Unbekannter ist. ©LDA Sachsen-Anhalt, Bild: Karol Schauer

 

 

Welche Ergebnisse haben Sie am meisten verblüfft?

In der Grube mit den Geweihmasken konnte Tuija Kirkinen Reste von unterschiedlichen Federn nachweisen, die z.B. zum Auerhahn und Falken passen würden. ©LDA Sachsen-Anhalt, Bild: Karol Schauer

 

 

Die Beiträge zum Nachlesen

Mehr erfahrenSchließenLearn moreClose

Würden Sie sich bitte kurz vorstellen?

Ich bin Harald Meller, der Leiter des Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie und des Landesmuseums für Vorgeschichte. Ich koordiniere sozusagen die archäologischen Forschungen für das Land und die Ausgrabungen, aber auch natürlich die Ausstellungen, was sehr praktisch ist, weil die Neuentdeckungen und die Ausstellungen dann zusammenkommen.

Verschiedene Forscherinnen und Forscher haben sich den kleinsten Überresten im Grab der Schamanin gewidmet – wonach haben sie gesucht?

Ja, wenn Sie mir vor 20 Jahren oder vor 10 Jahren erzählt hätten, dass man Federbruchstücke im normalen Sediment findet, dann hätte ich das für völlig unwahrscheinlich gehalten. Jetzt bin ich total begeistert, dass man Bruchstücke von Federn, dass man Haare, dass man natürlich Pollen, das wussten wir, aber dass wir vor allem in der Bodenchemie auch noch solche Dinge nachweisen können und dass man natürlich die DNA der Tiere auch noch im Sediment findet. Und das ändert die Archäologie nachhaltig, denn Sie müssen sich vorstellen, diese ganzen organischen Stoffe haben wir bislang gar nicht oder nur bei günstigster Erhaltung nachweisen können und das ist wahnsinnig spannend.

Ein Beispiel: Prof. Glaser von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg entdeckte „Black Carbon“ im Sediment – was hat es damit auf sich?

Bei Black Carbon handelt es sich entweder um verkohltes Material oder um schwarze Haare. Im vorliegenden Fall dürften es Tierhaare gewesen sein, weil es für verkohltes Material zu wenig war. Und dass man schwarze Tierhaare hier nachweisen kann, wo man ohnehin schon die ganzen tierischen Reste im Grab hat, finde ich ehrlich völlig faszinierend und hätte ich nie gedacht. Was mit Bodenchemie heute möglich ist und mit den anderen Methoden ist einfach ganz unglaublich.

Welche Ergebnisse haben Sie am meisten verblüfft?

Was fast schon wie Science Fiction klingt, ist, dass man im Boden inzwischen DNA nachweisen kann. Und die Schamanin hat eine ganz spezifische Haplogruppe, nennt man das, wo man sie identifizieren kann, und genau diese Haplogruppe haben wir im Boden gefunden. Das heißt, das ist „the Smoking Gun“, der Beweis: tatsächlich schlägt sich die DNA des Menschen im Grab nieder. Das heißt, es öffnen sich uns als Archäologen wieder ganz andere Welten und wir können Dinge nachweisen, von denen wir noch nicht mal zu träumen wagten. Und eins darf man nicht vergessen: All diese Reste, diese Federn, diese Haare, diese DNA sind 9.000 Jahre alt! Und sie haben wie in einer Zeitkapsel überlebt, um uns die Botschaft der Schamanin zu bringen, um uns die Boten einer fremden Zeit zu bringen. Und wenn wir das Ganze entschlüsseln und verstehen, dann verstehen wir unsere Welt besser. Wir tauchen ein in eine Welt, in der es keine Kriege gab, in eine Welt, in der es Arm und Reich noch nicht gab. In eine Welt, die ganz anders war, aber die eigentlich die normale Lebenswelt der Menschen darstellt. Denn was wir heute für normal halten, existiert erst seit einem Prozent der Menschheitsgeschichte.