Stahl der Steinzeit

Die Feuersteingeräte gehören auf den ersten Blick sicher zu den unscheinbaren Objekten im Grab. Näher betrachtet bergen sie jedoch spannende Informationen über das Leben im Mesolithikum und geben die ein oder andere Überraschung preis. Dr. Marcel Weiß hat die Artefakte aus Feuerstein oder Silex, wie das Material auch genannt wird, eingehend untersucht.

 

Würden Sie sich bitte kurz vorstellen?

 

 

Warum sind Feuersteingeräte so wichtig für die Erforschung der Urgeschichte?

Feuerstein oder Silex ist über Hunderttausende von Jahren wichtigstes Material zur Herstellung präziser Werkzeuge und Waffen. Hier die bekannten Blattspitzen aus der Ilsenhöhle bei Ranis (Thüringen) – die längste von ihnen ist knapp 20 cm lang. Sie datieren auf ca. 45.000 Jahre vor heute. ©LDA Sachsen-Anhalt, Foto: Juraj Lipták

 

 

Was ist das Besondere an den Silexgeräten des Mesolithikums?

Detailansicht des Pfeils aus Motala, Schweden (5750-5550 v. Chr.). Gut sichtbar sind die mit Birkenharz eingeklebten Mikrolithen. Der Pfeil ist in der Ausstellung im letzten Raum zu sehen. © Fredrick Hallgren

 

 

Können Sie uns etwas zu den unterschiedlichen Formen der Mikrolithe sagen?

 

 

Und was haben Sie über die Feuersteingeräte im Grab der Schamanin herausgefunden?

Die Mikrolithen aus dem Kranichknochen-Behälter. © LDA Sachsen-Anhalt, Foto: Juraj Lipták

 

 

Was hat Sie bei Ihren Untersuchungen am meisten fasziniert?

 

 

Die Beiträge zum Nachlesen

Mehr erfahrenSchließenLearn moreClose

Würden Sie sich bitte kurz vorstellen?

Mein Name ist Marcel Weiß. Ich bin Archäologe hier am Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie in Sachsen-Anhalt am Landesmuseum für Vorgeschichte und ich forsche zur Altsteinzeit und zur Mittelsteinzeit und beschäftige mich mit allen Dingen, die mit Jägern und Sammlern in unserer Vergangenheit zu tun haben.

Warum sind Feuersteingeräte so wichtig für die Erforschung der Urgeschichte?

Feuersteingeräte sind wichtig für die Erforschung der Urgeschichte, weil sie oftmals die einzigen Überbleibsel sind, die wir aus vielleicht zwei oder über zwei Millionen Jahren Menschheitsgeschichte haben. Das ist einfach Material, was überdauert. Und teilweise haben wir nur Steinartefakte. Manchmal haben wir auch Holzerhaltung oder haben Tierknochen oder Knochen, die uns noch mehr erzählen können. Aber unser täglich Brot sind letztendlich die Steinartefakte, weil die immer sich am besten erhalten von allen Sachen. Und man ganz, ganz viele Dinge über menschliches Verhalten, über Technologie aus den Steinartefakten auch herauslesen kann.

Was ist das Besondere an den Silexgeräten des Mesolithikums?

Das Besondere an den Silexgeräten des Mesolithikums ist eigentlich, dass sie sehr klein sind – das sagt auch der Begriff Mikrolithen. Und die sind deswegen so klein, weil die als Pfeilspitzen meistens gedient haben. Und da musste man kleine Grundformen herstellen, das heißt kleine Abschläge, kleine Klingen. Die wurden nochmal verkleinert und dienten dann als Einsätze in Pfeilen, weil Pfeil und Bogen im Mesolithikum immer mehr zu der Hauptjagdwaffe geworden ist. Weil es ist alles bewaldet, ich gehe auf kleinere Tiere und es schießt sich einfach besser mit einem Bogen durch den Wald als mit einem Speer.

Können Sie uns etwas zu den unterschiedlichen Formen der Mikrolithen sagen?

Wenn ich jetzt eine mesolithische Fundstelle habe, die in eine Zeit datiert, wo ich kein vermischtes Inventar habe, habe ich trotzdem unterschiedliche Mikrolithen daliegen. Das hat einen Grund. Und der Grund ist der, dass die in der Pfeilbewährung einfach an verschiedenen Positionen eingeklebt werden. Und die Mikrolithen haben noch eine besondere Eigenschaft. Und zwar gibt es immer wieder Formen, die ganz ähnlich aussehen. Es gibt Dreiecke, es gibt langschmale Formen, es gibt Segmente und das ist eine Form von Standardisierung, damit ich die Pfeilbewährung immer wieder austauschen kann.

Und was haben Sie über die Feuersteingeräte im Grab der Schamanin herausgefunden?

Die Schamanin hat im Grab verschiedene Feuersteingeräte dabei gehabt. Es gibt verschiedene Klingen, es gibt einige wenige Kernsteine, die in der Grabgrube lagen oder die so zuzuweisen sind anhand der Nachuntersuchung. Aber der bedeutendste Fund sind eigentlich die 27 Mikrolithen, die wir in einem Kranichknochen gefunden haben. Das ist ein kleiner Behälter, in dem diese Mikrolithen drin gewesen sind. Die stammen schon aus der Ausgrabung von 1934. Und das ist ein ganz besonderer Fund eigentlich, weil es einer der wenigen geschlossenen Funde ist. Das sagen wir Archäologen sehr gern, wenn man davon ausgehen kann, dass diese Funde zur gleichen Zeit niedergelegt worden sind, alle, was miteinander zu tun haben. Und was noch sehr faszinierend ist, man denkt, okay, man gibt der Bestattung fürs Jenseits Mikrolithen mit, damit sie sich Pfeile bauen kann. Aber die Gebrauchsspuren haben gezeigt, dass die alle entweder schon geschäftet, also an einem Pfeil geklebt haben oder auch benutzt waren. Das heißt, da sind Mikrolithen von vielleicht sechs Pfeilen drin, die aber alle schon mal in Verwendung gewesen sind, die aber noch so weit intakt sind, dass man sie eigentlich noch mal wiederverwenden kann. Und das ist eigentlich im Hinblick auf Steinartefakte der bedeutendste Fund, den man im Zusammenhang mit der Schamanin hat.

Was hat Sie bei Ihren Untersuchungen am meisten fasziniert?

Mich hat am meisten fasziniert eigentlich, dass die Mikrolithen, die mitgegeben worden sind, schon gebraucht waren. Weil das wirft viele Fragen auf. Warum gibt man jemandem etwas mit, was schon benutzt worden ist? Und das lässt letztendlich auf bestimmte Vorstellungen schließen, die wir heute nicht mehr, ja, nachvollziehen können. Aber da weiß man, das ist mit einer ganz bestimmten Bedeutung aufgeladen für die damalige Zeit, dass man halt Pfeile oder Teile von Pfeilen mitgibt, die schon benutzt worden sind. In welchen Zusammenhang das geht, kann man natürlich jetzt viel interpretieren, was das bedeuten kann. Sind das Pfeile von verschiedenen Leuten? Hat man die Fleischbeigaben, die drin sind, damit zur Strecke gebracht oder so? Also da kann man... das finde ich eigentlich sehr faszinierend, muss ich sagen.