Das Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie erforscht die Menschheitsgeschichte durch vergleichende Studien zu Genen, Kultur, Kognition, Sprache und sozialen Systemen von Menschen und nahe verwandten Primaten. Mit dem Forscher Dr. Wolfang Haak arbeiten die Hallenser Archäologinnen und Archäologen schon seit längerem sehr erfolgreich zusammen.
Mein Name ist Wolfgang Haak. Ich bin Archäogenetiker am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Dort entschlüsseln wir und vergleichen die Erbsubstanz von Individuen aus der Vergangenheit, also die DNA aus menschlichem Skelettmaterial, das aus archäologischen Kontexten kommt, also ausgegraben und geborgen wird.
Das ist eher die Ausnahme als die Regel und hängt sehr stark von Bodenbedingungen und den Klimazonen ab. In tropischen Breiten zum Beispiel bleibt so gut wie nichts übrig. Hier in unseren gemäßigten Zonen in Mitteleuropa, vor allem im Regenschatten des Harzes oder auf kalkhaltigen Böden sind die Erhaltungsbedingungen wirklich sehr gut. Dann weiter oben im Norden auf sandigen und sauren Böden ist dann die Erhaltung schon wieder nicht sehr gut. Die alte DNA, die wir gewinnen, ist allerdings stark beschädigt und fragmentiert und wir brauchen daher in den Reinraumlaboren jede Menge Arbeitsschritte, um die DNA sauber aufzubereiten und analysefähig zu machen.
Für die Archäologie würde ich behaupten, ist die Analyse alter DNA wirklich ein ganz wichtiges Werkzeug, da sie ja direkte Aussagen zu den Menschen selbst zulässt. Woher sie kommen zum Beispiel oder wie sie aussahen. Wir können mittlerweile auch Verwandtschaftsanalysen an kompletten Gräberfeldern durchführen. Und damit erfahren wir etwas zu sozialer Organisation und zu Gesellschaftsstrukturen, also zu Heirats- und Partnernetzwerken oder zum Beispiel, wie viele Kinder die Leute in der Vergangenheit im Durchschnitt hatten.
Die mesolithischen Individuen aus Bad Dürrenberg und unserer Region hier sind Teil einer größeren mittel- und westeuropäischen Bevölkerungsgruppe, die sich nach dem Ende der letzten Kaltzeit aus Italien und Südosteuropa weiter nach Norden ausgebreitet hatte. Wir wissen zudem jetzt auch, dass diese Jäger und Sammler von der äußeren Erscheinung her dunklere Haut- und Haarfarbe hatten, aber im Gegensatz dazu hellere Augenfarbe als die meisten heutigen Europäer.
Ja, zunächst einmal ist ja die Skeletterhaltung wirklich phänomenal. Und das ist ja auch in der Ausstellung zu sehen. Damit war dann auch die DNA-Erhaltung wirklich sehr gut, sodass wir von der Schamanin beispielsweise ein komplettes Genom rekonstruieren konnten. Spannend ist dann natürlich die vergleichende Analyse mit den drei Kindern, die ja ebenfalls zum Grabkontext gehören. Und hier haben wir herausgefunden, dass diese drei Kinder drei Brüder sind, zwei davon sogar Zwillinge, und die wohl, jetzt wird es kompliziert, zu unterschiedlichen Zeiten gestorben sind und eventuell sogar nachbestattet wurden. Die erwachsene Frau, also unsere Schamanin wiederum, ist nicht die leibliche Mutter, sondern etwas entfernter verwandt, ungefähr im 5. Grad. Das könnte dann die Cousine 2. Grades sein oder die Ur-Ur-Ur-Großmutter. Aber dann, was wirklich spannend ist, ist diese Zusammenschau aller Befunde, vor allem diese tollen archäologischen Grabbeigaben. Und es ist wirklich ein einzigartiger Einblick in die Vorgeschichte Mitteleuropas.