Putz im Mesolithikum?!

Dr. Franziska Knoll ist Mitglied der Forschergruppe und Spezialistin für alles, was mit Lehmbauweise zu tun hat. Das liegt nicht nur daran, dass Sie das Projekt „Golehm“ ins Leben gerufen hat, sondern auch daran, dass Sie über bemalten eisenzeitlichen Wandverputz promoviert hat.

 

Würden Sie sich bitte kurz vorstellen?

 

 

Sie haben Putzreste aus der Grabgrube untersucht – warum sind die so besonders?

Erst bei der erneuten Revision aller 1934 geborgenen Funde fielen wenige größere als „Erdballung“ bezeichnete Teile auf. In Abgleich mit den Fragmenten aus der freigelegten Blockbergung konnten diese auch den Putzresten zugeordnet werden. © LDA Sachsen-Anhalt, Foto: Franziska Knoll

 

 

Ihre Ergebnisse sind verblüffend – können Sie die bitte kurz erläutern?

An 25 Punkten, angelegt in einem 5 x 5 Messraster, wurden auf den Putzresten mittels Laserinduzierter Durchbruchsspektroskopie (LIBS) die Elemente gemessen. Alle zeigten eine Calciumverbindung mit bis zu 16% Ca-Anteil, also Kalk, als Ausgangsmaterial an. © Christian-Heinrich Wunderlich, LDA Sachsen-Anhalt

 

 

Und was ist die Konsequenz aus Ihrer Entdeckung?

Dünnschliff durch ein Putzfragment. Aufnahme durch Polarisationsmikroskop mit gekreuzten Polarisatoren (XPL). Die kompakte helle oberste Schicht ist nur zwischen 0,1 und 0,2 mm stark. Es handelt sich dabei vermutlich um eine feine Kalkschlämme. © M. Stahlschmidt, Universität Wien/A. Röpke, Universität Köln

 

 

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Würden Sie sich bitte kurz vorstellen?

Mein Name ist Franziska Knoll, ich bin Archäologin, gelernt, und ich arbeite hier am LDA glücklicherweise in der Forschung und bin in sehr viele Projekte involviert. Und die meisten haben mit Bautechnik, Bauwesen und Baustoffen zu tun.

Sie haben Putzreste aus der Grabgrube untersucht – warum sind die so besonders?

Also das Erste, was ich bekommen habe, war ein kleines Reagenzgläschen und da waren Putzreste der Grabung 1934 drin, nicht als solche betitelt. Und als ich die ausgepackt habe und die ersten zwei Bröckchen in der Hand hatte, gab es tatsächlich eine wahnsinnig schöne Kalkoberfläche, total geglättet und poliert. Und mich hat es erstmal umgehauen, weil ich dachte, das kann nicht aus dieser Grabgrube kommen. Das sieht aus wie römischer Kalkputz. Was hat das da verloren? Und darauf sozusagen aufsetzend, haben wir dann also sämtliche Sedimentreste aus dieser ganzen Nachgrabung untersucht und siehe da, immerhin haben wir noch ungefähr 950 Fragmente aufgetan, die sich auch diesem Kalkputz zuordnen lassen, allerdings die meisten nicht gut erhalten und auch nur wenige Millimeter groß und mit einem Gesamtgewicht von unter einem Kilo. Aber daraus ließ sich dann doch eine Konstruktion rekonstruieren.

Ihre Ergebnisse sind verblüffend – können Sie die bitte kurz erläutern?

Die größeren gut erhaltenen Putzstückchen, die hatten auf der Rückseite Abdrücke von Geflecht, also Rutengeflecht, wie wir das von Flechtwerk auch aus Fachwerkhäusern heute kennen. Und eben eine sehr glatte, schöne Oberfläche. Und das ist was, das würden wir im Hausbau vermuten. Und wir wissen ja aber alle, dass Mesolithiker eigentlich nicht sesshaft sind, zwar vielleicht temporäre Baustrukturen errichten, die sie temporär immer wieder aufsuchen und auch erneuern. Aber doch nicht sowas. Das stellen wir eigentlich dann in den Kontext des Neolithikums, also der ersten wirklich Siedler, die sich dauerhaft niederlassen, große Langhäuser bauen. Und die haben genau diese Bautechnik, die haben nämlich Pfostenbauten. Und diesen Raum zwischen den Pfosten schließen sie mit einem Flechtwerk, beispielsweise aus Haselruten, und verstreichen das dann ganz, ganz dick mit einem Wandputz, aber nicht aus Kalk, sondern aus Lehm.

Und was ist die Konsequenz aus Ihrer Entdeckung?

Wir müssen eigentlich ausgehend von diesem Befund jetzt anfangen, die mesolithischen Bauten zu suchen. Denn die Technik ist da, die Rohstoffe wissen sie genau und gut zu verwenden. Wir wissen ja auch mittlerweile, es sind Haselruten, das haben wir über Pollen nachgewiesen. Wo sind die Häuser dazu? Und die können natürlich verschiedenes ja...  Konstruktionsbild abgeben. Wir haben eigentlich zu rechnen mit so einer Art Grubenhäuser, die aber trotzdem natürlich Wände haben müssen, die ein aufgehendes Mauerwerk in irgendeiner Art haben. Also Pfosten und eben so ein Flechtwerk mit einem Putz dazwischen. Oder tatsächlich auch kleinere Nurpfostenbauten, wo eben das Innere nicht abgetieft ist. Und das müssen wir jetzt suchen, das ist aber mit ein bisschen Schwierigkeiten behaftet, denn mesolithische Freilandfundplätze haben wir erstens sehr, sehr wenige. Zweitens ist die Erosion meistens so hoch, dass wir das, was wir da eigentlich suchen, nicht mehr finden können, weil es schon weg ist.