Die Suche nach Blütenstaub in vorgeschichtlichem Bodenmaterial verblüfft – doch die mikroskopisch kleinen Pollenkörner sind dank ihrer stabilen Hülle sehr widerstandsfähig und überdauern bei guten Erhaltungsbedingungen viele Jahrtausende. Dr. Elisabeth Endtmann hat nach ihnen im Grab der Schamanin gesucht und Erstaunliches entdeckt.
Ja, mein Name ist Elisabeth Endtmann, ich bin Biologin, ich arbeite als Palynologin, also Pollenanalytikerin am Landesamt für Geologie und Bergwesen Sachsen-Anhalt hier in Halle.
Mithilfe der Pollenanalyse kann ich sowohl vegetationsgeschichtliche Fragen als auch klimageschichtliche Fragen beantworten. Also beispielsweise, ob es eher kalt oder eher warm ist, ob die Landschaft mehr offen oder schon bewaldet ist. Und im archäologischen Kontext kann ich dann eben auch sagen, ob die Landschaft besiedelt war oder nicht. Und wenn es gut läuft, kann ich die Sachen auch datieren, also habe einen zeitlichen Hintergrund für die Ablagerung. Es gibt für ganz bestimmte Siedlungsepochen ganz bestimmte Zeigerarten und wenn ich die finde, dann bin ich mir relativ sicher, dass ich eben genau diese Zeitepoche untersuche.
Das war schon ziemlich schwierig, dort Pollen zu extrahieren, weil die Grabgrube ja eine Trockenbodenerhaltung ist. Das heißt, der Boden war über viele Tausende Jahre gut durchlüftet. Pollen sind relativ komplex aufgebaut und sie haben eine sehr, sehr stabile Außenhülle, die sogenannte Exine. Man kann sich das wie ein Chitin-Skelett bei Insekten vorstellen. Und das ist gegen ganz viele Umwelteinflüsse sehr resistent. Wenn ich die Pollen unter Luftabschluss, unter Wasser in Moorablagerungen aufbewahre, dann sind die also unglaublich lange, sogar über Millionen Jahre, haltbar. Das Einzige, was diese Exine auffrisst, das ist Sauerstoff. Das heißt, dass viel von dem Pollenmaterial oxidiert ist, zerstört ist. Ich muss gestehen, ich wollte eigentlich aufgeben, weil die Ergebnisse statistisch überhaupt nicht auswertbar waren. Aber es hat sich dann gezeigt, dass im Bereich des Schädels ein bisschen mehr Pollen erhalten geblieben sind. Und das waren einerseits Pollen von optisch attraktiven Blütenpflanzen. Und es gab, das war eigentlich sehr, sehr spannend, Grünalgenzellverbände. Und damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet, weil in einer Trockenbodenablagerung haben die eigentlich nichts zu suchen. Die Frau Kirkinen hat Mikroreste von Federn von Wasservögeln, von Gänsen gefunden und das ist für mich durchaus vorstellbar, dass in dem Gefieder sich Algen verfangen haben. Diese Federn sind dann wie auch immer ins Grab gelangt und mit viel Glück und Zufall sind die Grünalgen in dem Gefieder erhalten geblieben.
Das waren zum einen Pollen von, wie gesagt, optisch attraktiven Blütenpflanzen. Also beispielsweise Königskerze oder auch Hahnenfuß oder Mädesüß. Und spannenderweise sind ungefähr, naja knapp 50 Prozent dieser Pollen auch Pollen von Pflanzen, die wir heute als Medizinalpflanzen kennen. Das fand ich also auch nochmal sehr interessant. Zum Beispiel Faulbaum, Birke wird heute auch gerne genutzt, wir hatten Frauenmantel. Es sind immer nur einzelne Pollen. Also keine großen Befunde, sondern wirklich nur Einzelkörner. Aber man kann sich das vorstellen, ob das vielleicht einen rituellen Hintergrund hat, dass vielleicht im Bereich des Schädels Blumenschmuck abgelegt wurde. Und bei diesem - ich sag jetzt mal - Heilpflanzenspektrum kann es sein, dass vielleicht das auch eine Grabbeigabe war, wobei ich persönlich eigentlich eher denke, dass das irgendwie in den Haaren gehaftet hat oder in der Kleidung erhalten geblieben ist.
Wenn man jetzt so ein bisschen die Blüh-Zeiträume von diesen einzelnen nachgewiesenen Pflanzen zusammenschneidet, dann gibt es eine Einengung auf die Sommermonate, möglicherweise auf den Juli. Aber auch das ist mit vielen Fragezeichen verbunden, weil wir einen Pollentyp beschreiben, der aber nicht hundertprozentig auf genau eine Art trifft. Aber in diesem Bereich, so Sommermonate, Juli, haben wir die größten Überschneidungen bei den Pflanzen, die im Schädelbereich waren.